Sektion des Monats

Kunsthaus Zug

Kunsthaus Zug, mit dem neuen Werk von Bethan Huws, I’ve forgotten to feed the cat, 2019-2020, Neonröhren auf Trägern aus bemaltem Aluminium, Foto: Stephan Kaiser

Das Kunsthaus Zug, ein Ort für zeitgenössische und moderne Kunst, ist in einer umgebauten Anlage des 16. Jh. untergebracht. Es verfügt über herausragende Werke der Wiener Moderne (Stiftung Sammlung Kamm). Weitere Schwerpunkte: Schweizer Surrealismus und Fantastik. In Zusammenarbeit mit international bekannten Künstlern entstehen ortspezifische Interventionen. Ausgewählte Arbeiten der Sammlung werden in die Wechselausstellungen integriert.

www.kunsthauszug.ch

Trägerschaft

Die Zuger Kunstgesellschaft wurde 1957 gegründet, führt das Kunsthaus Zug und ist Eigentümerin der Sammlung. Die Eigentümerin des Kunsthauses ist die Stiftung der Freunde Kunsthaus Zug, die auch Kunstreisen organisiert. Kanton Zug, Stadt und Gemeinden, Sponsoren, lokale und nationale Stiftungen und 1000 Mitglieder und Gönner bilden zusammen die erweiterte Trägerschaft.

Aktuelle Ausstellung

Kunsthaus Zug richtet den Blick nach Osten

ZuZug aus Osteuropa – Positionen der Sammlung

30. Januar bis 8. August 2021

Unbekannt, fremd, anders. Das Kunsthaus Zug zeigt zum ersten Mal grössere Werkgruppen mittel- und osteuropäischer Kunstschaffender aus der eigenen Sammlung. Dabei zieht es nicht nur eine Linie von «West» nach «Ost», sondern verbindet auch verschiedene Generationen und Sichtweisen. Freiheit und Toleranz, Weggang und Flucht bleiben als Themen schmerzlich aktuell.

Abb. Kunsthaus Zug, Ausstellungsansicht der Ausstellung: ZuZug aus Osteuropa. Positionen der Sammlung, 30. Januar bis 8. August 2021, Foto: © Jorit Aust, 2021

Als der eiserne Vorhang fiel und den Kalten Krieg einleitete, rückte «Osteuropa» in weite Ferne. Dieser – geografisch, politisch und kulturell unkorrekte – Begriff fasst die damalige Zweiteilung der Welt in «den Osten» und «den Westen» in einem Wort zusammen. Obwohl Länder wie Tschechien, Polen, Ungarn und Russland geographisch nahe liegen, erscheinen sie oft noch heute fern oder rücken wieder zunehmend in die Ferne. 

Während die letzte Ausstellung «BeZug» die Sicht auf Zug thematisierte, dreht «ZuZug aus Osteuropa» die Perspektive um und blickt von «Innen» nach «Aussen», indem sie zum ersten Mal in eigenen Räumen grössere Werkgruppen mittel- und osteuropäischer Kunstschaffender mehrerer Generationen zeigt, die im Kunsthaus Zug bereits einzeln ausgestellt wurden. Dabei schliesst der Blick auf das Fremde das Eigene stets mit ein: Wie man etwas erlebt und betrachtet, geschieht immer vor dem Hintergrund der eigenen Lebenswelt. 

West-Ost-Kontraste und -Verbindungen

Josef Hoffmann, Flächenmuster, o.J., Kunsthaus Zug, Stiftung Sammlung Kamm

Geradezu beispielhaft für den Perspektivenwechsel stehen etwa die Werke von Guido Baselgia und Jan Jedlička: Der ehemalige Wahlzuger Baselgia, der eben mit dem Bündner Kulturpreis geehrt wurde, richtete seine Kamera auf den russischen Künstler Pavel Pepperstein und dessen russische Freunde im Kunsthaus Zug. Gegenüber die Porträts Jan Jedličkas von westlichen Kunstschaffenden im Kunst Museum Winterthur wie Gerhard Richter, Sol LeWitt und Roni Horn. Ein Kontrast von «West» und «Ost». Die tschechischen Künstler dreier Generationen Pravoslav Sovak, Jan Jedlička und Tomas Kratky kamen in die Schweiz aus Anlass der niedergeschlagenen Reformbewegung des Prager Frühlings 1968. Von Luzern und Hergiswil aus bereiste Sovak während Jahrzehnten die USA, entdeckte für sich die Wüste des Südwestens, den Strand von Los Angeles und die Skyline von New York, was sich in einem reichen druckgrafischen Oeuvre niederschlug. Der 1988 in Bern früh verstorbene Tomas Kratky stellt in seinen Zeichnungen und Gemälden existentielle Fragen von Religion und Sexualität, Leben und Tod. 

Der Appenzeller Künstler Roman Signer beschritt den umgekehrten Weg. Er studierte in den 1970er-Jahren in Warschau Kunst und heiratete die Künstlerin Aleksandra Rogowiec. Bis heute zeugen ihre Werke von der Nähe zum Osten.

Und Annelies Štrba, deren Grossvater aus dem ehemaligen Jugoslawien einst nach Baar und Zug gekommen war, zeigt Reiseaufnahmen von Auschwitz und Tschernobyl und ein Video von Prag.

Die Ausstellung «ZuZug» verbindet auch individuelle Sichtweisen: Etwa mit einhundert Blättern das zeichnerische Schaffen von Josef Hoffmann, ein wichtiger Architekt und Designer der Wiener Moderne, der in Böhmen aufwuchs und im Dezember seinen 150. Geburtstag feiern könnte. Oder aus Ungarn der Schriftsteller und Fotograf Péter Nádas mit zahlreichen Aufnahmen eines Birnbaums, des Himmels und seiner Lesereisen, welche die Zeit und Lebensveränderung, aber auch den Wechsel der Bildmedien thematisieren.

Öffnung zum Westen

Das ‚unendliche’ Gespräch von Ilya Kabakov, Boris Groys und Pavel Pepperstein aus der ehemaligen Sowjetunion beschliesst als raumfüllende Videoinstallation den Sammlungsrundgang. Nach dem Ende der Sowjetunion und mit der Öffnung zum Westen haben die drei ihre abgebrochene künstlerische Gesprächspraxis noch einmal geführt und im Kunsthaus Zug in Verbindung mit ihren schweigenden Gesichtern für die Zukunft symbolisch musealisiert.

Nicht zuletzt bezieht sich «ZuZug» auch auf gegenwärtige Proteste, Aufstände und revolutionäre Geschehnisse in Polen, Russland, Ungarn, Weissrussland und der Ukraine. Freiheit und Toleranz, Weggang und Flucht bleiben als Themen schmerzlich aktuell. Daran erinnert auch die Installation „The Ship of Tolerance“ von Ilya und Emilia Kabakov, die noch bis Herbst 2021 im Zuger Gebiet Brüggli steht.