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Schweizerischer Kunstverein
Kunstbrief 5/2009 - September 2009

 

Nachrichten von Peter Studer, Präsident des Schweizer Kunstvereins – 24. September 2009

1. Kulturpolitik

Kulturförderungsgesetz

Der Nationalrat hat am 9. September – also am dritten Tag der Herbstsession – die Anträge seiner Kommission zu den Differenzen im Kulturförderungsgesetz beraten. Wie die einen hofften und die andern fürchteten, blieb er in allen wichtigen Punkten bei seiner Version:

 Er will dem Bundesamt für Kultur (BAK) zahlreiche Kompetenzen entziehen und sie der öffentlichrechtlichen Kulturstiftung Pro Helvetia zuschieben. Unter anderem soll die Pro Helvetia künftig die Swiss Art Awards für Kunstschaffende unter 40 zusprechen. Dabei handelt es sich nicht einfach um nationale Auszeichnungen; die bleiben an sich beim BAK. Sondern es geht um die Nachwuchsförderung im Bereich der visuellen Kunst. Und da hat sich die bisherige Ordnung seit langem bewährt: Die Eidgenössische Kunstkommission, bestückt mit lauter Künstlern und Kunstexperten, macht Vorschläge, das BAK genehmigt sie. Der Präsident hat sich umgehört und bisher nur Lob für die Kunstkommission vernommen. If it is not broken – why fix it? Die Befürworter einer Verschiebung berufen sich auf den "systemischen" Grundsatz, dass die operationelle Kunstförderung etwas weg vom Staat zur Pro Helvetia gehört; das BAK solle konzipieren und kontrollieren. Wäre die Pro Helvetia überhaupt gerüstet für einen solchen Transfer???

– Allerdings will auch der Schweizer Kunstverein wie der Nationalrat der erstarkten Pro Helvetia das Recht geben, die Strategie vom eigenen Stiftungsrat schreiben zu lassen – im Rahmen des vierjährlichen Kulturplans, den das Parlament absegnet, und unter Genehmigungsvorbehalt des Bundesrats. Das wäre logisch. Der Pro Helvetia war seit ihrer Gründung ein Sonderleben zugedacht – nicht einfach als Erfüllungsgehilfin des Bundesrats. Das sehen auch Kulturrechtsexperten so.

 Ebenfalls zur Pro Helvetia will der Nationalrat die Bundesunterstützung für Organisationen und Projekte verschieben.

 In allen diesen Punkten hatte sich der Ständerat auf die Seite des abtretenden Bundesrats Couchepin und seines Bundesamts für Kultur geschlagen. Letzte Woche hätten auch seine Kommission und das Plenum zu diesen – wenigen – Differenzen tagen sollen. Aber mit der Bundesratswahl und andern wichtigen Geschäften war die Sessionsliste übervoll. Die Kommission des Ständerats wird sich erst nach der Herbstsession, am 8. Oktober, und der Ständerat in der Dezembersession aussprechen. Beobachter glauben, dass man sich nach dieser ersten Differenzbereinigungsliste finden wird. Das fände dann in der Frühjahrssession 2010 statt.

 Der abtretende Bundesrat Couchepin jedenfalls hat die Nase voll, weil man ihm seinen schönen Gesetzesvorschlag rüde zerzaust hat. Cholerisch reklamierte er vor dem Nationalrat:
 "Je ne serai plus là en décembre pour vous dire de ne pas voter la loi, mais si elle devait être adoptée dans la version qui va maintenant être celle du Conseil National, je crois qu'il faudrait la rejeter, dans l'interêt de la liberté de la culture et d'une bonne organisation du système".
 
Es ist richtig, dass die Nationalratsversion uns ein konsequenteres Modell und einen Schritt weg vom Staatseinfluss (hin zu einer öffentlichrechtlichen Stiftung) brächte. Aber auch mehr Unsicherheit, mehr Reorganisationsmühen, mehr Existenzgefahr für die im Kunstbereich nahezu perfekte Eidgenössische Kunstkommission. Die Kunst ginge deswegen freilich nicht unter.

Lebhafte Debatte: Ein politischer "First" für den Schweizer Kunstverein
Unterstützt vom Berner Kunsthausdirektor Matthias Frehner und von Vorstandsmitglied Kathleen Bühler (Kuratorin für Gegenwartskunst am Kunstmuseum Bern) hat der Schweizer Kunstverein am Abend vor der Nationalratsdebatte zu einem Panelgespräch über die Differenzpunkte im Kulturförderungsgesetz geladen. In das Kunstmuseum Bern kamen nur wenige Parlamentarier, aber gegen 80 Leute aus dem "Kulturkuchen", um BAK-Direktor Jauslin, Kunstkommisionspräsident Reust, Suisseculture-Präsidentin Schweikert, Pro Helvetia-Direktor Knüsel und Kuratorin Bühler zuzuhören. Die Panelteilnehmer trugen die Kontroverse mit Verve und guten Argumenten aus, geschickt moderiert von DRS-2 Redaktorin Karin Salm. Auch die vielen "Kulturpartisanen" im Publikum konnten sich einbringen und ihre Thesen beim Apéro vertiefen. Ruth Gilgen Hamisultane, Leiterin Sponsoring, Kommunikation und  Medien im Kunstmuseum Bern, "schoss" eine Fotogalerie des Anlasses. Kicken Sie hier für die Impressionen aus dem Podium.

Jetzt melden sich die Galeristen
Noch ist das Kulturförderungsgesetz nicht unter Dach und Fach, und schon melden sich Interessenten für die künftige Förderung. Der Schweizer Kunstverein wird sich nächstes Jahr bei den Entwurfsarbeiten für die Vollzugsverordnung stark machen für die Anliegen der Kunstmuseen, die Entlastung bei den horrenden Kosten für Versicherungsprämien monieren – möglich nach dem Wortlaut des Gesetzes. Auch die Galeristen haben Anliegen: Der grüne Nationalrat Alec von Graffenried (Bern) sammelt Unterschriften für eine Parlamentarische Initiative, die den Galeristen den bisher fehlenden Sukkurs gewährt, wenn sie an ausländischen Messen und Ausstellungen Schweizer Gegenwartskunst präsentieren (in den meisten Kulturnationen selbstverständlich).

2. Aktuelles

Der zweite Preis für Vermittlung visueller Kunst in der Schweiz geht an zwei Off-Spaces in Zürich und Biel
Der Schweizer Kunstverein und visarte.schweiz haben im Frühjahr 2009 zum zweiten Mal den mit CHF 10'000 dotierten Preis für Vermittlung visueller Kunst in der Schweiz ausgeschrieben. Er wird alle zwei Jahre an eine Persönlichkeit oder Institution verliehen, die sich nachhaltig um Kunstvermittlung in der Schweiz verdient macht. Die Jury hat  getagt und beschlossen, die Preissumme aufzuteilen: Zwei Preise à je CHF 5'000 gehen an die innovative Zürcher Galeristin Esther Eppstein ("Message Salon" an der Langstrasse) und an den pionierhaften Bieler Chri Frautschi ("Lokal-int"). Also an zwei "Off-Galerien", um beim New Yorker Jargon zu bleiben. Wir gratulieren! Preisverleihung im Januar 2010 – nähere Infos folgen.

3. Notizen

Das "Kulturministerium" meldet: Die Wahl ist entschieden!
Denis Beuret
heisst der neue "Kulturminister" der Schweiz. Mit einem Stimmenanteil von 36 Prozent konnte er sich gegen seine vier Konkurrenten durchsetzen. Beuret ist Musiker und Komponist. In seinem neuen Amt als "Kulturminister" möchte er die finanziellen Interessen der Kulturschaffenden tatkräftig verteidigen. Zudem hat er vor, die verschiedenen Kulturverbände zu vereinigen und den Kulturschaffenden einen besseren Zugang zu den Sozialversicherungen zu schaffen. Mehr dazu ...

Mit freundlichen Grüssen

Ihr Peter Studer,
Präsident des Schweizer Kunstvereins
praesident(at)kunstverein.ch
 

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