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Schweizerischer Kunstverein
Kunstbrief 2/2010 - Juni 2010

 

Nachrichten von Peter Studer, Präsident des Schweizer Kunstvereins – 17. Juni 2010

1. Kunst- und Kulturpolitik

Dezember 2009 / Frühjahr 2010: Nach der Verabschiedung des ersten schweizerischen Kulturförderungsgesetzes – über dessen Genesis dieser Kunstbrief laufend informierte – sind die Auseinandersetzungen keineswegs beendet. Nunmehr machen sich Bundesamt für Kultur, Pro Helvetia und Nationalmuseen/Nationalbibliothek daran, die erste Kulturbotschaft des Bundesrats zu planen. Diese soll dann alle Kulturausgaben des Bundes enthalten und vom Parlament genehmigt werden, sodass auf vier Jahre hinaus verbindliche Schwerpunkte gelten.

Die Ausgangssituation für eine echte, zukunftsgerichtete Kulturpolitik des Bundes steht unter einem schlechten Stern.

– Ab Frühjahr 2007 hatte sich eine "Table Ronde" der Kulturorganisationen auf einige (nicht alle) Grundsätze unterwegs zum neuen Gesetz geeinigt. Seit Dezember 2009 ist das Gesetz da. Der Direktor des Bundesamts für Kultur, Jauslin, war bereit, einen Ausschuss der "Table Ronde" (dem ich angehöre) von Zeit zu Zeit über die Entwicklung der Kulturbotschaft zu informieren – mit gewissen Vertraulichkeitsregeln. So schreibe ich hier nur einige Punkte zur Ausgangslage hin, die unsere Sektionen und einige Verbündete betreffen.

– Hatte schon Bundesrat Couchepin – trotz unseres Protests – betont, dass die gesetzliche Neuordnung keinen Rappen mehr kosten werde, zeichnet sich zu unserer Enttäuschung ab, dass auch sein Nachfolger Burkhalter an diesem kulturverachtenden Diktum festhält. Für Strassenbau und Flugzeugbeschaffung gelten keine derartigen Schranken. Das Kulturförderungsgesetz wird voraussichtlich nur im Rahmen der bisherigen Massnahmen umgesetzt. Grob gesagt heisst das, dass die "Kann"-Vorschriften im neuen Gesetz vorläufig mal aufs Eis gelegt werden. Das verhindert eine kreative Prioritätensetzung.

– Hier nur ein Beispiel aus unserem Kernbereich der visuellen Kunst:

Art. 10 Massnahmen zur Bewahrung des kulturellen Erbes
(1) Der Bund kann Museen…zur Bewahrung des kulturellen Erbes unterstützen, insbesondere durch Finanzhilfen…[Wir hofften, das komme auch den Versicherungskosten bedeutender Sammlungen zugute]. Er kann bei Ausstellungen von gesamtschweizerischer Bedeutung Beiträge an die Versicherungsprämien für Leihgaben leisten.

Wie will die erste Kulturbotschaft 2012 / 2015 diese Norm aufnehmen? Weil es sich um eine blosse "Kann"- Norm handelt – gar nicht. Trotz des Drängens der Kantone, trotz der äusserst prekären Lage der Kunstmuseen. Bereits hat der Sammler Andreas Reinhart Bilder wegen "Unterversicherung" aus der Gruppe der Dauerleihgaben im Kunstmuseum Winterthur zurückgezogen (Mai 2010). Später einmal, "mittelfristig", werde dann vielleicht eine Policy entwickelt, tröstet das Bundesamt für Kultur.

Zwischen August und Oktober 2010 sollen die Karten auf dem Tisch liegen. Dann will das Bundesamt für Kultur die Kulturorganisationen formell zum "Projekt Kulturbotschaft" anhören. Am 15. September schliesslich plant das Bundesamt für Kultur eine Aussprache "mit allen interessierten Personen". Der Präsident wird sich bemühen, die Interessenten aus dem Bereich visuelle Kunst zu koordinieren. Im Februar 2011 verabschiedet der Bundesrat die Kulturbotschaft; dann wird das Parlament sie beraten. Am 1. 1. 2012 tritt das Kulturförderungsgesetz mitsamt der Kulturbotschaft (Rahmen für die erste Budgetperiode) in Kraft.

 

2. Wie finden die Sektionen des Schweizer Kunstvereins neue Mitglieder/ Comment les sections de la Société Suisse des Beaux-Arts trouvent-elles de nouveaux membres?

Pour lire le résumée en français veuillez cliquer ici

Zu diesem Thema, das unsere 32 Sektionen mit ihren Mitgliedsbeständen zwischen bloss 34 und sogar 20’000 angesichts von Überalterungstendenzen stark beschäftigt, hat der Vorstand des Schweizer Kunstvereins auf den 1. Juni abends zu einer Präsidentenkonferenz mit Workshop im Kunstmuseum Olten eingeladen. Es kamen 28 Kaderleute. 

Christian Zwinggi vom PRBÜRO, Spezialist für Kulturmarketing in Uster (Mandate unter anderen: Migros-Kulturprozent; Dozent an der Luzerner Hochschule Kunst + Design), führte in das Thema ein. Mit Wort und Zahl illustrierte er einige Wandlungen in der Gesellschaft, die unsere Kulturvereine zu spüren bekommen. "Mehr Alte und weniger Junge: das Gleichgewicht zwischen den Generationen kippt". Junge Erwachsene legen angesichts des immensen Freizeitangebots grössten Wert auf freie Zeitgestaltung. Deshalb binden sie sich weniger gerne an Vereinsstrukturen. "Solange junge Zeitgenossen sich nicht binden, bleiben sie begehrt. Weshalb sollen sie da etwas ändern?" Während die Feuilletons knapper und "kundenfreundlicher" – andere sagen: oberflächlicher – werden, bombardieren uns Gratiszeitungen und das Internet mit Angeboten. "Wer also hört in diesem steten Rauschen unser leises Werben um Mitglieder?"

Und doch hat die Visuelle Kunst ihre Chancen. Die Kulturstatistik 2008 weist aus, dass 43 % der Befragten ein Kunstmuseum besuchten, 30 % öfters hingehen möchten. Alle Altersgruppen zwischen 15 und 95 sind ansprechbar (mit klassischer Musik die 60+; mit Popmusik die – 30). Das sind im Spartenvergleich viel versprechende Zahlen. Einige Erfahrungssätze des Kulturwerbers: Es ist leichter, ein bestehendes Mitglied zu halten, als ein neues zu gewinnen (Postulat: niemand tritt aus, ohne kontaktiert zu werden). Erst mal Besucher, dann erst Mitglieder anlocken. Flexible Angebote für Flexisten. Gründe geben für den Beitritt. Persönliche Kontakte knüpfen. 

In einer zweiten Runde gruppierten sich die Anwesenden zu Fünferteams, die einander über eigene gute Erfahrungen berichteten und dies zuhanden des Schlussplenums aufnotierten. Hier nur einige bisher weniger bekannte Beispiele:

ARTHIS/Association des Amis du Musée d'art et d'histoire de Neuchâtel 
– Soirée des Donateurs: Wer ein Werk für die Sammlung geschenkt hat, wird an einem Apéro den zahlreich erscheinenden Mitgliedern vorgestellt.

Kunstverein Biel
– Eingeschriebene Mitglieder können an der Weihnachtsaustellung mit je 1 Stimme als "Jury" mitwirken. Hohe Beteiligung (400 von 1'200 Mitgliedern).
– Ausleihe von einigen Werken aus der Sammlung in Privatwohnungen, anschliessend Versteigerung einiger Werke (die bezahlte Miete wird vom Kaufpreis abgezogen). Erlös geht in den Erwerb neuer Werke.

Kunstverein Schaffhausen
– Ausleihverfahren verbunden mit zeitlich begrenzter "Miet-Versteigerung"

Kunstverein Baselland mit Kunsthallenbetrieb in Muttenz
– starke Konkurrenz aus Baselstadt
– Am Eröffnungstag der ART Basel ein Frühstück in der Kunsthalle für Kunstfreunde unterwegs an die ART, verbunden mit Erläuterungen zur laufenden Ausstellung.
– An Vernissage-Tagen „Sandwich-Männer“ (behängt mit Plakaten) auf der Strasse, die Passanten ansprechen.

Förderverein Kunstmuseum Thun
– "Blicke sammeln", Ausstellungsreihe. Städtische Vereine delegieren ein Quartett, das ein Thema bestimmt und aus der Sammlung Werke auswählt / hängt.  Wichtig: Lokalmedien und Nachbetreuung.
– Atelierbesuche: Künstler kochen für die Besucher im Atelier.
– Vorstand unterschreibt persönliche Karten u. a. mit Hinweis auf Freunde, die bereits Mitglieder sind. Erfolgreich (50 Neumitglieder).

Kunstverein St. Gallen
– Parallel zu einer Ausstellung führte ein DJ nachts mit Taschenlampe und Sound – aus dieser Aktion: 6 neue Jungmitglieder.

Aargauischer Kunstverein
Gründung eines Juniorkunstvereins, gestartet mit 150 Kinder und Jugendlichen. 

Mehrere Kunstvereine
– auf Facebook vertreten sein
– Lokalpresse und Lokalradio „auf die Bude steigen“, sie animieren, ein "Monatsbild" aus der Sammlung abzubilden und Text dazu aufzunehmen (Förderverein Kunstmuseum Thun)
– An der Museumsnacht Kinderbetreuung mit Globi-Filmen usw. (Club Jurassien des Arts,  Moutier)
– Kunstvermittlungsangebote für Kinder und Jugendliche (Kinderclubs)

 

Das Inputreferat und die Präsentation von Christian Zwinggi (d) finden Sie hier:
http://www.kunstverein.ch/aktuell/archiv/

 

3. Aus den Kunstvereins-Sektionen

Kunstverein Glarus - Grosse Ehre fürs kleine Haus:
Der zweite Swiss Exhibition Award geht an das Kunsthaus Glarus für die Ausstellung Sooner Rather Than Later von Kilian Rüthemann, kuratiert von Kunsthaus-Direktorin Sabine Rusterholz. Die Julius Bär Stiftung und das Bundesamt für Kultur haben am 29. April 2010 an einer öffentlichen Feier im Schauspielhaus-Schiffbau Zürich den Preis in der Höhe von CHF 40'000 an das Kunsthaus Glarus überreicht. Das Kunsthaus Glarus erhält den Preis, weil es mit dieser Ausstellung einmal mehr exemplarisch gezeigt hat, wie professionell und selbstverständlich sich der internationale Kunstdiskurs auch an peripherer Lage führen lässt, wenn ein kleines Museumsteam eine Vision mit dem Künstler gemeinsam umsetzt. Der Swiss Exibition Award zeichnet jedes Jahr eine Institution für eine herausragende Ausstellung mit Schweizer Gegenwartskunst aus; er ist einer der höchstdotierten Kunstpreise in der Schweiz. Wir gratulieren zu dieser Auszeichnung!

Kunstverein Oberaargau mit dem Kunsthaus Langenthal meldet:
2010 ist der Kunstverein Oberaargau versuchsweise einen Eintrittsverbund mit folgenden Institutionen eingegangen: Kunstmuseum Thun, Shedhalle Zürich, Kunsthalle Basel, Fri-Art Fribourg und CAN Neuchâtel. Für die Mitglieder dieser Institutionen konnte der gegenseitige freie Eintritt vereinbart werden. Mehr ...

Kunsthaus Zürich veranstaltet Sommerwerkstatt vom 5. Juni bis 9. Oktober 2010
Das Programm mit Workshops, Führungen und Gesprächen steht im Zeichen des Jubiläums «100 Jahre Kunsthaus Zürich» und wendet sich an alle Altersgruppen. Mehr zur Sommerwerkstatt ...

Vorankündigung: Gemeinsame Wiedereröffnung zweier Winterthurer Kunstmuseen
Das Kunstmuseum Winterthur und die Sammlung Oskar Reinhard „Am Römerholz“ werden nach einer zweijährigen Renovierungsphase ab dem 31. Oktober 2010 dem Publikum wieder zugänglich sein. Am Samstag, 30. Oktober 2010 findet um  17 Uhr eine gemeinsame Eröffnungsfeier statt.

4. Termine / Hinweise

Bitte reservieren Sie diese Daten in Ihrer Agenda / Nous vous prions de réserver ces dates dans votre agenda:

Delegiertenversammlung 2010 / Assemblée des délégués 2010
am Samstag, 11. September 2010 in Aarau / le Samedi, 11 septembre 2010 à Aarau
Informationen dazu / plus d’informations

Die NIKE (Nationale Informationsstelle für Kulturgüter-Erhaltung) meldet:
Europäischen Tage des Denkmals - Am Lebensweg / Journées européennes du patri­moine - Cycles de vie 11. - 12.9.2010
Informationen dazu / plus d’informations

Mit freundlichen Grüssen

Ihr Peter Studer,
Präsident des Schweizer Kunstvereins
praesident(at)kunstverein.ch
 

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