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Schweizerischer Kunstverein
Kunstbrief 1/2011 - März 2011

 

Nachrichten von Peter Studer, Präsident des Schweizer Kunstvereins – 3. März 2011

1. Kunst- und Kulturpolitik

Bundesrat verabschiedet Kulturbotschaft: „Es dörft es bitzeli meh si“ (On espérait un peu plus)

  -  Am 23. Februar 2011 hat der Bundesrat die Kulturbotschaft 2012 / 2015 verabschiedet – das wichtigste Instrument zur Umsetzung des Eidgenössischen Kulturförderungsgesetzes, dem das Parlament am 11. Dezember 2009 zugestimmt hatte. Laut diesem Gesetz legt der Bundesrat alle vier Jahre eine solche Botschaft vor, die dem Parlament die Ziele und Schwerpunkte sowie sämtliche Kreditbegehren der Eidgenössischen Kulturpolitik beantragt. 

  -  Wegen der überraschend positiv ausgefallenen Bundesrechnung 2010 hat der Bundesrat die Gesamtsumme der Kulturkredite 2012 / 2015 von CHF 632,5 Mio. (Entwürfe) um weniger als  1 % auf CHF 638 Mio. aufgestockt. Die CHF 5,5 Mio. kommen der Entlastung von Museen ausserhalb des Bundesbesitzes (eine Forderung auch des Schweizer Kunstvereins) und der überfälligen Digitalisierungshilfe für Kinosäle zugute. Die 300 Eingaben an der Vernehmlassung zum Kulturbotschaftsentwurf hatten fast unisono auf die "Erbsünde" der Kulturbotschaft hingewiesen: Mehr Aufgaben der eidgenössischen Kulturakteure als bisher, aber nicht mehr Mittel. Dementsprechend sind die 5,5 Millionen eine weniger als "homöopathische Dosis"

  -  Wie geht es jetzt weiter? Noch fehlen die "Förderziele", die Kriterien für die künftige Kulturgeldausschüttung festlegen sollen. Man will wegkommen von der bisher oft etwas zufällig anmutenden Kreditvergabe. Bis in den Sommer gedenkt das Bundesamt für Kultur Konsultationen in den Kultursparte zu führen, bis im Dezember will es die meisten "Förderziele" festschreiben. Dann soll am 1. 1.2012 das Kulturförderungsgesetz und damit ein neues Regime in Kraft treten.

 

Kaum ist die Kulturbotschaft da, setzt eine neue Grundsatzdebatte ein. Pius Knüsel, Direktor der Bundeskulturstiftung Pro Helvetia, formulierte im "Tages-Anzeiger" ein neues Förderungsmodell: Weg von der "Kommissionitis", hin zu Kulturmanagern, Kooperation mit dem Kommerz. – Hans Rudolf Reust, Präsident der etablierten Eidgenössischen Kunstkommission, antwortet ihm. Hier resümieren sie ihre Thesen.

 

Pius Knüsel, Direktor Pro Helvetia Schweizer Kulturstiftung:

Drei Beine statt eines

Die in den 80ern verankerte neue Kulturpolitik hat uns ein breites, vielfältiges und erreichbares Kulturangebot beschert. Nicht eingelöst ist das Postulat der Demokratisierung: Die Nutzer des reichen Angebots rekrutieren sich weiterhin aus der gebildeten Mittelschicht, sagt die Forschung, in etwa dieselben 5 bis 10% der Bevölkerung wie früher. Wenn der Staat nicht weiterkommt, helfen womöglich die anderen, die autonomen Kräfte. Daraus ergibt sich das Prinzip einer trisektoriellen Kulturpolitik.

1. Konsolidierung des institutionellen Sektors. Anstelle weiterer Ausdehnung müssen die Schlüsselinstitutionen zukunftsfähig gemacht werden – das bedeutet auch mehr Mittel. Das wird ohne Ausdünnung im mittleren und kleinen Bereich nicht gehen. Dem kommt jedoch die erhöhte Mobilität der Bürger entgegen. Ein Museum muss nicht mehr vor der Haustür liegen, um erreichbar zu sein. In diesen Bereich gehört die Verbesserung der Arbeitsbedingungen auch der unabhängigen Produzenten – durch die spartenübergreifende Einführung mittelfristiger Fördervereinbarungen. Also mehr Förderung von Entwicklungsprozessen statt unzureichende Projektförderung. Das impliziert natürlich eine strengere Auswahl – und mehr Vertrauen in das Talent der Ausgewählten. Das spielt genauso, wenn es darum geht, den Veranstaltern, Verlegern und Ausstellern mehr Verantwortung zu übertragen für eine erweiterte Kulturproduktion, welche Nachwuchsförderung wie Kulturvermittlung als selbstverständliche Tätigkeiten einschliesst. Das würde es als Nebeneffekt gestatten, Grösse und Zahl von Kommissionen und Jurys zu reduzieren. Kommissionen wären primär dazu da, die grossen Linien sowie Kriterien von Qualität und Vielfalt zu entwickeln.

2. Stärkung der privat finanzierten Kulturproduktion. Private Geldgeber – Individuen, Stiftungen, Sponsoren – spielen in der Kultur eine wichtige Rolle, grosse Teile der europäischen Moderne haben nur dank ihnen überlebt und nicht dank der staatlichen Strukturen, die Kunst gerne in ihren Dienst stellen. Auf die Privaten wird in der staatlichen Kulturförderung so gerne verwiesen, wenn das Geld knapp ist. Aber wenig ist getan, um einer Kultur des Gebens Vorschub zu leisten, um ihre Leistungsfähigkeit und ihre Kompetenz anzuerkennen.

3. Stärkung des kommerziellen Sektors. Der grosse Teil jener 90%, die die geförderte Kunst nicht erreicht, befriedigt seine kulturellen Bedürfnisse über kommerzielle Produktionen und Produkte. Hier geht es nicht um staatliches Geld, sondern um ideale Rahmenbedingungen, erleichterte Bewilligungspraxis und flexible, für viele Zwecke verwendbare Miet-Infrastrukur. Denn auch dieser Sektor verdient Anerkennung. Ihm ist der Durchbruch der Moderne zu verdanken: die Avantgarde der Nachkriegszeit hat sich nicht in den Museen und auf den Theaterbühnen entwickelt, sondern draussen. Es waren die Beatles und Konsorten, welche das neue Zeitgefühl erschallen liessen, das die dröge Kulturpolitik der 60er Jahre auf den Kopf stellte. Auch ist der kommerzielle Sektor der wirkungsvollste Träger der Hochkultur. Fernsehen, Film, Computer, Internet sind die Kanäle, über die Hochkultur – 1:1 oder abgewandelt und vulgarisiert – die vielen erreicht. Sie stiftet den Generationen Identität und ist partizipativ.

Das ist in Kürze das Modell einer zukunftsgerichteten Kulturförderung. Die Eingrenzung der Kunst und des Kunstbegriffs auf staatliche Massnahmen kann nicht im Interesse der Künstler liegen. Konkurrenzierende Systeme sind von Vorteil, weil sie jedes von ihnen zwingen, sein inneres Funktionieren regelmässig zu überdenken. Wandel ist bekanntlich die Essenz der Kultur. Die Kulturbotschaft des Bundes nimmt nur Fragmente einer solchen Politik auf: Minimale Entlastung für Museen, Zusammenfassung aller Projektförderung bei Pro Helvetia, was die Einrichtung von mittelfristigen Fördermodellen erleichtert. Der Rest bleibt zu tun – und zu diskutieren.

 

Hans Rudolf Reust, Kunstkritiker, Präsident der Eidgenössischen Kunstkommission:

Drei Beine für „Beatles und Konsorten“?

Man mag aus den widersprüchlichen Ansätzen von Pius Knüsel im Tagesanzeiger vom 23.2.2011 nicht recht klug werden; der Jargon im vorliegenden Statement deutet an, der Chefintendant könnte aus den Realitäten der Kulturschaffenden ins globale Kulturmanagement entschwebt sein.

Einige Entgegnungen lassen sich dennoch formulieren: 

Der Befund, dass die Strukturen gelegt und die Künste in der Schweiz mit Fördermitteln saturiert seien, nimmt sich von einem professionellen Kulturförderer seltsam aus. Er dürfte zumindest eingestehen, dass hier Differenzierung gefragt ist: Wunderbar, wo Staat und Privat sich zuspielen können, wo Markt- und Medienerfolg für die Künste sich einstellen. Die öffentliche Kulturförderung an diesem Erfolg auszurichten, verpasst allerdings ihre grösste Chance: dort ergänzend zu fördern, wo die Risiken hoch sind und die Einschaltquote noch klein. Selbst die Beatles konnten mutige Unterstützung vor allem gebrauchen, als sie noch kein weltweites Label waren. Öffentliche Kulturförderung wirkt nicht gegen, sondern komplementär zu den Märkten, längerfristig und auf vierfache Weise: mit Cash, mit symbolischer Anerkennung, sie wirft Spotlights und provoziert den öffentlichen Diskurs. Es geht nicht primär um die Einschaltquote, nie um Imagewerbung für die Förderer selbst, sondern um eine Auseinandersetzung mit den Inhalten. 

Dass die Hochschulen der Künste statistisch im Hoch sind, wäre durchaus erfreulich, drohte ihnen nicht zugleich eine Verschulung und Bürokratisierung wie im 19. Jahrhundert, die wachere Geister künftig fern halten wird. Warum in aller Welt soll nun aber das Prinzip „Hausaufgaben“ auch noch bei der Kulturförderung einziehen: Wer Jahresthemen oder trendige Tageslosungen wie „Game Culture“  vorschreibt [Anspielung auf eine gemeinsame Position von BAK und Pro Helvetia in der Kulturbotschaft; PST], betreibt  Kulturförderung als kunstdidaktische Eventagentur, vor allem traut er den Kunstschaffenden nicht zu, dass sie ihre Inhalte selber setzen. Hinter den politisch versierten Blitzstrategien im geistigen Derivathandel winkt ein Oberlehrer, der es besser weiss. Auch Fachkommissionen sind in ihrer Auswahl streitbar, sie garantieren keine Objektivität. Gerade weil es aber im Kulturbetrieb fast nur Intendanzen gibt, in Opernhäusern, Theatern, Verlagen,  Museen, in Galerien und den verbleibenden Redaktionen, kann die öffentliche Kulturförderung durchaus auch auf andere Formen der Entscheidungsfindung setzen: basisnah, breiter abgestützt, diskursiv und mit Gedächtnis. Wer öffentliches Geld verteilt, soll bewusst auswählen, Entscheidungen wagen und zeigen – und bald auch wieder andere entscheiden lassen.  Die innere Dynamik durch gelegentliche Wechsel verbindet in den Fachkommissionen Erinnerung mit Entdeckung.

Warum sich die Stiftung Pro Helvetia mit Lobbymacht für die Nachwuchsförderung eingesetzt hat, um sie gleich an etablierte Vermittlungsinstanzen zu delegieren, bleibt ein Rätsel. Hybride aus High and Low, globale Migration und medientheoretische Reflexionen sind in den Künsten längst ein Thema - man braucht nur hinzuschauen. Ein Sinn für Migrationen aller Art - und sei es mehr als ein Fünftel – bleibt auf jeden Fall auch dem einsamen  Intendanten zu wünschen. Aus den sich weitenden Horizonten, den Grenzgängen und Mischformen lässt sich aber keinesfalls eine generelle Popularisierung der Ansprüche an die Künste ableiten. Die auf Bundesebene weiterhin sehr begrenzten Finanzen für Kultur müssen den Kunstschaffenden möglichst direkt zufliessen, und nicht der verkappten Wirtschaftsförderung oder bildungspolitischen Initiativen dienen.

Albert Anker hat sich als Präsident der Eidgenössischen Kunstkommission für den umstrittenen Marignano – Zyklus seines Kollegen Ferdinand Hodler eingesetzt: avanciert im Urteil, exemplarisch, aber direkt unterstützend, wonach Künstlerinnen und Künstler suchen. Das bleibt eine gute Maxime für die öffentliche Kulturförderung.

2. Termine / Hinweise

Bitte reservieren Sie dieses Daten in Ihrer Agenda / Nous vous prions de réserver cette date dans votre agenda:

Delegiertenversammlung 2011 / Assemblée des délégués 2011
Am Samstag, 21. Mai 2011 in Biel / le samedi, 21 mai 2011 à Bienne
Das reichhaltige Tagesprogramm in Biel wird in Kürze auf die Website des Schweizer Kunstvereins gestellt.

 

Zürcher Hochschule der Künste: Tagung «Von der Kunst leben! Neue Laufbahnen und Erwerbschancen in Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft» 

An der Tagung von Fr, 8. und Sa, 9. April 2011 im Vortragssaal der Zürcher Hochschule der Künste in Zürich befassen sich KünstlerInnen, KulturunternehmerInnen, WissenschaftlerInnen sowie ein an künstlerischen ebenso wie an wirtschaftlichen Fragen interessiertes Publikum mit der Frage, was geschehen muss, damit Kulturschaffende auch im Zeitalter der Digitalen Kultur noch wirtschaftlich bestehen können (1. Tag) und wie Kunsthochschulen und Berufsverbände ihnen dabei behilflich sein können (2. Tag). Die Tagung richtet sich an Kulturschaffende, GestalterInnen, KünstlerInnen, KulturvermittlerInnen, Studiengangleitende, Dozierende und Studierende an künstlerisch-gestaltenden Hochschulen, sowie an Coachs und Berufsberatende, VertreterInnen von Interessenverbänden und Hochschulbehörden.

Der Anlass wird im Rahmen des Forschungsprojekts Cultural Entrepreneurship (entrepreneurship.zhdk.ch) durchgeführt, das von den Stiftungen AVINA und Gebert-Rüf gefördert und am Zentrum für Kulturrecht der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) angesiedelt ist. Die Tagung wird von Visarte, Suisseculture, dem Schweizerischen Musikerverband smv, vom MAS Cultural Media Studies ZHdK und der Alumni-Organisation netzhdk unterstützt. 
Tagungsprogramm und Anmeldung

 

Webplattform Kulturvermittlung Schweiz

kultur-vermittlung.ch ist die erste umfassende Plattform für Kulturvermittlung in der Schweiz. Sie macht die Vermittlungslandschaft in allen Kunstsparten sichtbar, bringt Angebot und Nachfrage zusammen, vernetzt Fachpersonen und regt die Diskussion rund um Kulturvermittlung an. Die Webplattform Kulturvermittlung Schweiz ist eine Initiative der pädagogischen Hochschule Bern, der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und der Schweizerischen UNESCO-Kommission. Pro Helvetia beteiligt sich an kultur-vermittlung.ch im Rahmen ihres Programms Kulturvermittlung 2010-2012. Die Ernst Göhner Stiftung und die Stiftung Mercator Schweiz unterstützen die Plattform.

Um die Website in der Fachwelt breit zu verankern, arbeitet kultur-vermittlung.ch mit rund 20 Partnerinstitutionen aus der ganzen Schweiz zusammen. Nach einer zweijährigen Pilotphase (2011-2012) soll die Plattform an eine nationale, kultur- und bildungspolitisch breit abgestützte neue Trägerschaft übergeben werden, die den langfristigen Betrieb sicherstellt.

Mehr dazu: http://www.kultur-vermittlung.ch
Version française: http://www.mediation-culturelle.ch

 

Verband der Museen der Schweiz VMS / ICOM Schweiz meldet:

Der internationale Museumstag 2011 findet am Sonntag 15. Mai statt. Unter dem Slogan „Was die Dinge erzählen“, werden die Museen weltweit aufgefordert, die Beziehung zwischen Objekten und Gedächtnis sichtbar zu machen. Ab 15. März ist das Programm hier erhältlich: 
Programm

 

Die NIKE (Nationale Informationsstelle für Kulturgüter-Erhaltung) meldet:

Mit den Schlussabstimmungen der Eidg. Räte vom 17.12.2010 ist es definitiv: Sowohl der National- wie auch der Ständerat haben in der Debatte über den Eidg. Voranschlag 2011 erneut einer Erhöhung der finanziellen Mittel für den Bereich Heimatschutz und Denkmalpflege von CHF 20,5 Mio. auf 30 Mio. zugestimmt (inkl. Verpflichtungskredit). Dies ist im Hinblick auf die Kulturbotschaft, die für diesen Bereich jährlich lediglich rund CHF 21 Mio. vorsieht, immerhin ein positives Zeichen. Ernst zu nehmen sind die in den Debatten geäusserten Gegenargumente und Ermahnungen. Nun gilt es unverzüglich die Erarbeitung der Programmvereinbarungen und der Förderungskonzepte an die Hand zu nehmen. Mehr über die NIKE

Mit freundlichen Grüssen

Ihr Peter Studer,
Präsident des Schweizer Kunstvereins
praesident(at)kunstverein.ch
 

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